Allgemein

Arbeit mit Jungpferden – Die ersten Sprünge

Wie bringt man einem jungen Pferd eigentlich das Springen bei? Wo und wie fängt man an? Was kann man voraussetzen und wie finde ich die goldene Mitte zwischen Vorsicht und Bestimmtheit? Nur ein Auszug der Fragen, die mir durch den Kopf gingen, als ich plante das erste Mal eine am Boden liegende Stange zu überwinden. Ja, mein Pferd kann Springen! Hervorragend unter Beweis gestellt, als wir uns Roxi zum ersten Mal angesehen haben und er eigenständig beim Freilaufen den Reitplatz in Richtung Stall verließ und dabei das 1,50 m hohe Gatter übersprang. Da uns im vergangenen Jahr die Möglichkeiten zum Freispringen verwährt blieben, starteten wir also tatsächlich bei null. Abstammungsbedingt war ich mir nahezu sicher, dass er früher oder später verstehen wird, was von ihm erwartet wird. Sein Vater Diarado war Sieger auf der Holsteiner Körung und kassierte reihenweise 9en und 10en auf seiner Hengsteleistungsprüfung. Auch seine Mutter (v. Calato) konnte auf ihrem Stutentest mit einer 8 für das Freispringen und einer 9 für die Rittigkeit überzeugen, irgendwo in diesem Pferd musste also zumindest ein Verständnis fürs Springen schlummern. Sicherlich, Abstammung ist kein Garant für Erfolg, aber genenbedingt hat Roxi auf jeden Fall die besten Voraussetzungen.

Stangentreten.. Oder so etwas Ähnliches

Also fing ich todesmutig an, Stangen in mein tägliches Training einzubauen. Vorerst nur im Trab, denn der Galopp verlangte mir bereits ohne Stangen größte Konzentration ab. Und was soll ich sagen, beim ersten Anreiten einer Stange zog er rechts vorbei. Nicht wild, nicht böse aber es lag schließlich etwas im Wege. Für den zweiten Versuch stellte sich dann gütigerweise meine Mutter neben die Stange. Aufgrund fehlender Ausweichmöglichkeiten sah Roxi sich offensichtlich gezwungen die Stange zu überqueren. Sicher ist sicher – es fühlte sich schlussendlich eher an, wie ein Sprung über einen ein Meter hohen Ochser als wie das Überwinden einer einzelnen Trabstange. Das gleiche ließ sich beim zweiten, dritten und auch vierten Mal beobachten, aber wenn man immer wieder mit der selben Ruhe auf das Hindernis zureitet, kehrt auch beim Pferd Ruhe und Normalität ein.

Die ersten Sprünge

Für die nächste Woche nahmen wir uns also den ersten richtigen „Sprung“ vor. Allerdings keinesfalls alleine, sondern unter Beaufsichtigung meines Trainers. Wir stellten zwei knöchelhohe Kreuze jeweils in die beiden Diagonalen und zwar so nah, dass die Kreuze jeweils die eine Seite des anderen Kreuzes begrenzten, sodass der Gedanke an das Vorbeilaufen gar nicht erst reifen konnte. Nachdem ich einmal im Schritt auf das Hindernis zuritt, um ihm in Ruhe die Möglichkeit zu geben sich alles anzuschauen, trabten wir auf langem Weg auf unser erstes Hindernis zu und überwunden es anstandslos. Ähnlich übermotiviert, wie die Stange in der Woche zuvor, allerdings legte sich auch dieser Zustand nach einigen Malen. Wichtigster Punkt bei nahezu allen Neuaktionen mit jungen Pferden: Loben! Für nahezu alles, für jedes brave Überwinden des Hindernisses, ob es gerissen wird oder nicht. Springen ist es generell erst einmal etwas Positives und genau so sollen es die Pferde auch wahrnehmen.

Sobald der erste Grundstein gelegt war und im Pferd ein Verständnis für das reifte, was zu tun war ging es tatsächlich schneller als erwartet. In der ersten Zeit überwanden wir die Hindernisse ausschließlich im Trab, gerne auch mit einer Stange davor. Den ersten Sprung im Galopp nahmen wir dann in einer Distanz, und zwar nachdem wir ein Kreuz im Trab anritten, Roxi im Galopp landete und wir ohne Stress einfach zum nächsten Hindernis weiterreiten konnten. Generell ist sowas natürlich sehr abhängig von dem, was das Pferd bereits „hergibt“. Roxi ist beispielsweise extrem rittig, hat allerdings einen riesigen Galopp der erst einmal gesetzt werden muss um wirklich bewusst eine Distanz zum Sprung zu wählen.

Die weitere Arbeit

Obwohl wir noch meilenweit davon entfernt vernünftig vorwärts und rückwärts zu reiten und die Distanzen passend zu treffen springen wir mittlerweile einen kleinen Pacours im Galopp. Ich habe das große Glück, dass Roxi absolut vertrauensvoll an jeden Sprung heranläuft und bereits Unterbauten und Wassergräben springt, ohne mit der Wimper zu zucken. Wesentlich schwieriger ist tatsächlich das „Zurücknehmen“ und das Wählen einer dichteren Distanz zu einem Sprung, denn wenn ich diesen Plan verfolge, fällt er mir noch häufig in den Trab und wir überwinden das Hindernis in einer kaninchenartigen Manier in lupenreinem „Tralopp“. Um seiner Defizite weiter zu verbessern versuchen wir uns weiterhin häufig an Stangen. Seien es zwei an der langen Seite, zwischen denen wir die Galoppsprünge variieren oder mehrere Stangen in In-Out Abstand vor dem Sprung, die ihn „zwingen“ einen kleineren Galoppsprung zu machen, für Roxi steht definitiv sehr viel Gymnastik und Technik Arbeit auf dem Programm und war jede Woche. Alle ein bis zwei Wochen haben wir dann noch richtiges Parcourstraining, sodass wir auch hier sicherer und konstanter werden. Allerdings ist genau hierfür natürlich die Basis wichtig, an der wir momentan arbeiten. Roxi ist mit seinen fünf Jahren jetzt in einem perfekten Alter, um an Springpferdeprüfungen teilzunehmen, allerdings ist er, bedingt durch seine Größe und seinen Körperbau, ein wenig „hinterher“ und benötigt eher mehr als weniger Zeit um in das richtige Pacoursspringen hereinzuwachsen. Generell haben wir uns als Ziel gesetzt in diesem Jahr an Springpferdeprüfungen der Klasse A und L (am Ende des Jahres) teilzunehmen, natürlich immer unter der Voraussetzung, dass es Pferd und Reiter Spaß bringt und alle gesund und munter sind. ☺

Zusammenfassung

Abschließend lässt sich sagen, dass dieses Pferd bereits jetzt ein außerordentlicher Glücksgriff für mich ist. Mir bedeutet es sehr viel, dass er mir sein Vertrauen schenkt und anstandslos meinen Anweisungen folgt wenn ich sage „Da geht’s drüber!“. Vom Bewegungsablauf her ist er grundsätzlich eher ein langsames Pferd, weshalb wir natürlich einige Baustellen vor uns haben werden. Dennoch lässt er bei passender Distanz bereits vermögende Sprünge erkennen und bringt mir so viel Freude beim täglichen Reiten, wie auch im Parcours. Generell ist es einfach wichtig, die positiven wie auch negativen Gegebenheiten seines Pferdes zu erkennen und damit zu arbeiten. Und genau das ist unser Plan für die kommende Saison: uns noch besser kennen lernen und unser tägliches Training so anzupassen, dass wir langfristig zufrieden zusammen Spaß haben.

Nicole Klement & Friederike Hahn

 

Click to comment

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

To Top